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11.08.2016

Kolumne: Mehr Mut.


"Schön, dass wir noch normal miteinander reden können.",
tippe ich ins Handy 
"hätte vermutlich auch vieles anders laufen können, wenn wir das viel früher und auch öfters genau so getan hätten, wo mir allerdings auch mittlerweile vollkommen klar ist, dass da der Großteil der Zeit wohl eher ich das Problem war. Aber ja, die Zeit lässt sich ja nun mal auch nicht zurückdrehen, deshalb ... Shit happens. 
Auf jeden Fall wollte ich aber noch mal Danke für heute sagen."

Stunden zuvor saßen wir da. Fremd? Zugleich vertraut? Eine seltsame Situation in jedem Fall. Das erste Treffen nach fast einem Jahr. Ein Jahr, nachdem wir die zweite Chance, unsere letzte Chance vergeigt hatten. Die letztendlich ich vergeigt hatte. Eine ganz einfache "Wenn-Dann-Gleichung". Ein Jahr später sitzen wir da und als wir über meine verstorbene Oma reden, über die ganze Wahrheit, warum ich meine Bachelorarbeit erst vor ein paar Wochen angemeldet habe, über meine Freundinnen, über den einen oder anderen Mann, den es seit unserem unversöhnlichen Ende in meinem Leben gegeben hatte, darüber lachen, dass ich immer noch ein Problem damit habe, zu telefonieren, da wird mir nämlich eines klar: Ich hatte alle Schuld auf ihn geschoben, obwohl ich doch selbst nicht viel besser bin.


Gefühle zugeben? Dealbreaker!

Ich kann mit Menschen, die ich kaum kenne über den schlechtesten oder besten Sex' meines Lebens so far reden. Ich kann jedem peinliche Geschichten erzählen, die ein paar Drinks zu viel geschuldet waren. Ich brüste mich damit, dass ich auf Ehrlichkeit bei Menschen stehe, ich es lieber habe, dass man mir direkt ins Gesicht sagt, wie scheiße man mich findet, als wochen-, oder sogar monatelang zu schweigen und hinter meinem Rücken zu tuscheln, doch als ich da so mit ihm sitze, da wird mir bewusst, dass ich das selbst gar nicht mal so gut kann, wie ich immer dachte. Zumindest nicht, wenn es darum geht, frei raus zu erzählen, was wirklich in mir los ist...

Vor einem Jahr hatte er mir gesagt, dass er mich liebt, nur um gefühlte 5 Minuten später zu behaupten, dass er's ja gar nicht so gemeint hätte. Vielleicht war dem so, doch vielleicht hatte er diese drei Worte auch zurückgezogen, weil ich geschwiegen hatte, weil ich so tat, als hätte ich sie nicht gehört, oder weil ich sie ins Lächerliche zog - "Wie könntest du auch nicht." Ebenso schwieg ich, als vermeintliche Freundinnen eine Verabredung nach der nächsten platzen ließen oder ich mich außen vor fühlte. Ich schwieg, weil es bedeutet hätte, wahre Gefühle zu zeigen. Dealbreaker! Denn da ist diese Mauer. Zum Teil schon immer da, zum anderen mühsam nach Herzschmerz errichtet. Bloß nicht verletzlich zeigen, bloß der Mauer durch ein kleines bisschen mehr Emotion keine Risse versetzen...

Mehr Mut.

Doch heute, ein Jahr später weiß ich: Wenn ich mutiger gewesen wäre, dann wäre vieles anders gelaufen. Vielleicht wären wir heute etwas Anderes. Freunde? Vielleicht wären ich und andere es nicht mehr. Was dadurch für die Vergangenheit bleibt? Wehmut. So ein bisschen. Doch für die Zukunft ist seit diesen paar Stunden etwas passiert, die Mauer hat Risse bekommen.

Kommentare:

  1. Sehr sehr schöner und vor allem mutiger Post. Ich kann zu 100% nachvollziehen, was du da schreibst und auch die Situation des "fremd, aber doch vertrautem" kann ich komplett mitempfinden. Es ist manchmal oder vielleicht auch immer wichtig, dass die Mauer Risse bekommt. Es ist normal und bestimmt auch wichtig und notwendig, verletzt zu sein. Wenn man einmal verletzt war, kann man danach die anderen Momente viel mehr fühlen. Auf einmal fühlt man die Freude viel mehr, die Liebe viel mehr, aber auch die anderen Gefühle spürt man viel intensiver. Wenn wir keine Verletzbarkeit zeigen, setzen wir uns ja irgendwie eine Maske auf und die breitet sich auch irgendwann über unsere anderen Gefühle aus. Wenn die Maske nie anfängt zu bröckeln, haben wir die Verletztheit auch in schönen und glücklichen Momenten im Hinterkopf, weil sie nie an die Oberfläche kam und nie wirklich raus gelassen wurde.

    Liebe Grüße

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